Was ist Biopolitik? Einfach erklärt

Instrumente der Biopolitik: Sex und Gender

Definition Biopolitik:

Biopolitik ist ein Begriff, der in der politischen Theorie und Philosophie verwendet wird, um die Beziehung zwischen den politischen Prozessen des Staates und dem biologischen Leben seiner Bürger zu beschreiben.

In diesem Leitfaden erfährst du ganz einfach, was Biopolitik bedeutet und wirklich dahintersteckt. Damit erhältst du einen neuen Blick auf die biopolitische Theorie und ihre Praxis.

Die Biopolitik geht über den Begriff der Bio-Macht auf Michel Foucault (1926–1984) zurück. Für Foucault war Sexualität das „Bindeglied zwischen anatomischer Politik und Biopolitik“.[1] Allerdings spielte das menschliche Leben als solches seiner Ansicht nach in der Politik bis ins 17. Jahrhundert keine Rolle.

Hingegen ist das „nackte Leben“ laut dem Philosophen Giorgio Agamben (geb. 1942) schon immer ein wesentlicher Bestandteil der Politik gewesen.[2] Agamben begründet das damit, dass die politischen Entscheidungen, ob sie nun von einem absolutistischen Souverän oder von einer demokratischen Institution getroffen wurden, schon immer über Leben und Tod bestimmten. Zu sehen sei das beispielsweise in Entscheidungen über die Einführung einer Wehrpflicht oder eine verpflichtende Krankenversicherung.

Wenn jedoch auf der einen Seite, wie Foucault darlegt, die Sexualität als Bindeglied zwischen der Anatomie der Bürger und der Biopolitik fungiert und auf der anderen Seite Agamben zufolge das „nackte Leben“ der Bürger schon immer wesentlich von der Politik beeinflusst ist, was ist dann mit der Sichtbarkeit der Anatomie, mit dem nackten Leben – einmal nicht im sprichwörtlichen Sinne gedacht? Reichen die Verweise und die Fokussierung auf die Sexualität und das bloße Leben und Sterben der Menschen aus, um den Begriff der Biopolitik ausreichend zu erklären?

Wenn wir dies nun erwägen, stellt sich unweigerlich die bislang unbeachtete Frage, ob und wie sich das Fehlen der Sichtbarkeit der primären Geschlechtsorgane auf die (Bio-)Politik auswirkt. Weder Foucault noch Agamben haben diesen doch gewiss nicht unwichtigen Aspekt ausreichend in den Blick genommen. Dabei ist er zentral, wenn wir die Zusammenhänge wirklich verstehen wollen.

Mit dieser Frage wirfst du in diesem Blog einen Blick auf

1. den Zusammenhang von Biopolitik mit Nacktheit und Sprache,

2. die Wurzeln des biopolitischen Patriarchats,

3. das daraus zu ziehende Fazit: Politik braucht deinen Mut.

1. Erkenne den Zusammenhang von Biopolitik mit Nacktheit und Sprache

Hast du dich nicht schon einmal gefragt, ob es nicht ebenso möglich wäre, andere körperliche Merkmale als die Genitalien des Menschen zur Bestimmung der Identität heranzuziehen, etwa die Haut-, Augen- oder Haarfarbe, vielleicht auch die Gesichtszüge oder gar die Blutgruppen? Hellhäutige Menschen würden etwa das Suffix -in erhalten und dunkelhäutige keines. Spräche man dann beispielsweise von Schülerinnen und Schülern, würde man sich dabei auf die Hautfarbe, nicht auf das Geschlecht beziehen. Gewiss würden mit der Zeit auch kritische Stimmen laut und darauf verweisen, dass es doch nicht nur Schwarz und Weiß auf der Welt gebe, sondern ganz viele Grade und Abstufungen von Farbtönen dazwischen. Die Folge wäre die gleiche, wie wir sie aktuell in Form (des Aufkommens) der Gendersprache erleben: Um die hautfarbene Vielfalt und alle Menschen mit ihren an der Hautfarbe zugesprochenen Identitäten zu berücksichtigen, würde die Forderung laut, verstärkt zu „gendern“, das heißt hier: „hautfarbengerecht“ von Schüler*innen sprechen (zu wollen). Unsinn? Nun, es ist nicht die Sprache als solche, die diesen Gedanken verbietet. Nein, es ist unsere kulturelle Sozialisation, in der die Identität von Personen anhand ihres Genitals bestimmt wird!

Nun haben wir, und das ist meine These, nicht das Bedürfnis, unsere Identität an den Blutgruppen (sie sind sowieso unsichtbar) oder an den Augenfarben (die prinzipiell sichtbar sind) zu bestimmen und auch zur sprachlichen Wahrnehmung zu bringen. Warum ist das beim biologischen Geschlecht anders? Der eigentliche Grund ist die Unsichtbarkeit der Genitalien, anhand deren das soziale Geschlecht bestimmt wird, – tatsächlich wäre es übergriffig, würden wir erst nachsehen wollen, bevor wir jemanden mit „Frau“ oder „Mann“ ansprechen. Das aber ist nur die hinreichende Bedingung dafür, dass wir in unserer Kultur unsere Identität an den Genitalien festmachen. Die notwendige Bedingung ist es, dass sie mit (prüder) Scham belegt sind. Bei den Blutgruppen und den anderen genannten Merkmalen ist das hingegen nicht der Fall.

Du siehst mithilfe dieses Gedankenspiels, dass die Art und Weise, wie wir gesellschaftlich mit der Nacktheit umgehen, mit der gendergerechten Sprache zusammenhängt. Denn schämten wir uns etwa für unsere Blutgruppe, dann entspränge daraus das Gefühl eines identitätsbezogenen Zusammenhangs, ergäbe doch sonst die Scham für die eigene, von anderen Menschen abweichende Blutgruppe wenig Sinn. Das Fehlen der Sichtbarkeit der primären Geschlechtsorgane spielt also eine biopolitische Rolle dafür, dass nach Foucault die Sexualität das Bindeglied zwischen anatomischer Politik und Biopolitik ist.

2. Trockne die Wurzeln des biopolitischen Patriarchats aus

Bist du bereit, diesen blinden Fleck in unserer Gesellschaft und Kultur, ja dieses Tabuthema der Nacktheit im Sinne einer naturistisch geprägten Lebensweise nicht zu meiden, sondern vorurteilsfrei zu durchleuchten? Dann haben wir eine reale Chance, das Patriarchat gesellschaftlich zu überwinden. Wie das? Vielleicht hilft hier folgende Frage weiter: Wie stünde es um die Gleichberechtigung von Mann und Frau, wenn der primäre Bestimmungsgrund unserer Geschlechtsidentität nicht schambehaftet wäre, mehr noch: wenn er aufgrund der wegfallenden Scham gar nicht erst vorhanden wäre, wir also nicht auf die Idee kämen, unsere Identität an den Genitalien zu bestimmen?

Diesen Gedanken auszuformulieren mag mutig sein. Er zeigt uns aber einen gangbaren Weg aus der patriarchalen Grundstruktur des politischen Machtgefüges. Wenn wir nicht falsch liegen, erhält die Biopolitik ihre Macht durch den gesellschaftlich prüden Umgang mit der (Un-)Sichtbarkeit unserer biogeschlechtlichen Körperlichkeit. Formulieren wir also die Frage nach der politischen Gleichheit der Geschlechter unter den Bedingungen eines gesellschaftlich gelebten oder akzeptierten Naturismus aus,[3] dann wird die geschlechtsbezogene Rollenzuweisung über kurz oder lang nicht mehr funktionieren! Wer könnte denn noch darüber bestimmen, was eine Frau und was ein Mann ist, wenn die Scham für den genitalen Bestimmungsgrund dieser „Identitäten“ wegfällt?![4] Wie könnte sich eine Geschlechterhierarchie etablieren und erhalten, wenn wir es nicht länger als Instrument der geschlechtlichen Segregation missbrauchten, dass wir unterschiedliche Genitalien haben?! Hätten wir dann nicht vielmehr den Menschen im Blick – und eben keine Mensch*innen, die wir zur sprachlichen Wahrnehmung bringen müssten?! Das alles tun wir aber, und so erhält die Biopolitik, anders als bei Foucault gedacht, ihre Macht nicht aus der Sexualität, sondern aus dem Sexismus. Dieser aber wird im blinden Fleck der Unsichtbarkeit der sexusbezogenen Anatomie nolens volens als eine selbsterfüllende Prophezeiung von uns allen blindlings heraufbeschworen.

3. Fazit und Zusammenfassung: Politik braucht deinen Mut

Biopolitik beschreibt die Art und Weise, wie der Staat und die Gesellschaft biologische Prozesse und Phänomene wie Geburt, Tod, Gesundheit und Krankheit regulieren und kontrollieren. Foucault sah in der Sexualität ein Bindeglied zwischen Anatomie und der laut ihm erst im 18. Jahrhundert etablierten Biopolitik, während für Agamben das „nackte Leben“ schon immer ein wesentlicher Teil der Politik und somit Politik immer schon Biopolitik war und ist. Es geht darum, wie der Staat und die Gesellschaft versuchen, das Leben und den Körper der Bürger zu kontrollieren und zu beeinflussen. Biopolitik ist eng mit der Idee verbunden, dass der Staat die Verantwortung für das Wohlergehen seiner Bürger trägt und dass er Maßnahmen ergreifen muss, um ihre Gesundheit und ihr Wohlbefinden zu fördern.

Wage du es nun einmal, dein eigenes Wohlbefinden in der Gesellschaft und zugleich die Gesundheit der Gesellschaft zu fördern. Wage es, dazu einmal anders, nämlich offen und vorbehaltlos zu denken! Ist es nicht genau das, was von den Philosophen lauthals eingefordert wird – nur um sie dann abzustrafen, wenn sie es tun? Zugegeben, die meisten Philosophen denken selbst innerhalb des blinden Flecks. Doch mit meiner kulturphilosophischen Schrift Die Objektität des Bewusstseins nehme ich dich an die Hand für deinen Mut, ohne Geländer zu denken (Hannah Arendt). Denn das Patriarchat zu Fall zu bringen erfordert mehr, als die Geschlechterrollen zu hinterfragen und der Gleichbehandlung aller Geschlechter durch ihre sprachliche Markierung zu einer vermeintlichen Realität zu verhelfen!


[1] Michel Foucault: Die Maschen der Macht (1981/1985). In: Daniel Defert, Francois Ewald (Hrsg.): Analytik der Macht. Suhrkamp, Frankfurt/M. 2005, S. 230 ff. Weitere Literatur: Michel Foucault: Der Wille zum Wissen. Suhrkamp, Frankfurt/M. 1983.

[2] Giorgio Agamben: Homo sacer. Die souveräne Macht und das nackte Leben. Suhrkamp, Frankfurt/M. 2002.

[3] Um das stereotyp aufkommende Missverständnis sofort im Keim zu ersticken, bedeutet das keinesfalls, dass jeder und dann auch noch immer und überall nackt zu sein habe. Das ist blanker Unfug.

[4] Siehe dazu U. T. Wolfstädter (2021). Die Objektität des Bewusstseins. Berlin: Frank & Timme, S. 106 ff.

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