Kopplung von Sex und Nacktsein: Ein Beitrag zu ihrer Ent­kopplung

Kopplung von Sex und Nacktsein | Cartoon

 

Nacktheit und Sexualität sind in unserer Kultur eng miteinander verbunden. Aber ist diese Kopplung wirklich sinnvoll? Ist es nicht an der Zeit, die kulturellen Prägungen und Zusammenhänge zwischen Nacktheit und Sexualität kritisch zu hinterfragen und das Nacktsein sowie das Sexhaben jeweils für sich zu beleuchten?

 

In diesem Blogbeitrag wirst du lernen,

– warum einfaches Nacktsein nichts mit Sex zu tun hat,

– warum wir uns von der Kopplung von Nacktheit und Sexualität lösen müssen,

– warum die Entkopplung einen positiven Einfluss auf deine Sexualität haben wird.

 

 

 

 

Was ist die Sex-Nacktsein-Kopplung?

Wahrscheinlich kennst du das: Wenn du selbst nackt bist oder jemanden anderen nackt siehst, dann in aller Regel im Badezimmer, im Umkleideraum, in der Sauna – oder beim Sex. Das liegt daran, dass in unserer Gesellschaft das Nacktsein eng mit der Sexualität verknüpft ist. Nacktheit wird auf den intimen Bereich des Schlafzimmers und des sexuellen Akts beschränkt.

Diese enge Verknüpfung von Sex und Nacktheit mag für den Moment, in dem du Sex mit jemandem hast, ein willkommener und spannender Verstärker sein. Zugleich bist du so aber in aller Regel nur dann nackt, wenn es sich nicht vermeiden lässt, etwa beim Waschen oder Umkleiden – dann, wenn niemand anderes es sieht. Da ist es kein Wunder, dass du deine oder die Nacktheit anderer als sexuell stimulierend empfindest und deshalb dein Nacktsein als ein Mittel nutzen kannst, guten Sex zu haben.

Folge dieser Sex-Nacktsein-Kopplung ist jedoch, dass die meisten Menschen immer nur dann vor und mit anderen Menschen nackt sind, wenn sie Sex haben. Die Verflechtung von Sex und Nacktheit verstärkt sich so selbst: Dein Nacktsein ist eng mit deinen sexuellen Tätigkeiten verwoben, und im gesellschaftlichen Kontext steht es ausschließlich im Rahmen der Sexualität.

 

 

Möglichkeiten zur Entkopplung von Nacktheit und Sexualität

Die starre Kopplung von Nacktheit und Sexualität lässt sich auf unterschiedliche Weise aufbrechen. Eine Möglichkeit ist es, Nacktheit als etwas Natürliches und Normales zu betrachten, das zunächst einmal nichts mit Sexualität zu tun hat. Umgekehrt können wir aber auch die Sexualität von der bloßen körperlichen Nacktheit trennen und als eigenständigen Aspekt der menschlichen Erfahrung betrachten. So lassen sich neue Konzepte der (sexuellen) Körperakzeptanz und Körperpositivität entwickeln.

So hat Sexualität sehr viel mit Nähe zu tun. Es braucht nicht die direkte Nacktheit, damit du dich zu einem Partner hingezogen oder erotisch angezogen fühlen kannst. Und die Körperakzeptanz lässt sich in erster Linie ohne sexuelle Konnotation steigern, wenn du dich näher mit deinem nackten Körper beschäftigst. Setze dich mit deinem Körper auseinander und nimm dir die Zeit, dich wirklich intensiv – nackt, sprich ganz ohne sexuelle Verknüpfungen oder Hintergedanken, – zu betrachten. Dazu gehört auch ganz besonders die Beobachtung der eigenen Genitalien. Wenn du hier ein unverkrampftes und nicht mit Scham besetztes Verhältnis entwickelst, dann kommt das dir selbst und auch deinem (Sexual-)Partner zu Gute.

Eine weitere Option besteht darin, den Fokus auf die persönliche Autonomie und die individuellen Bedürfnisse zu legen. Indem wir Nacktheit als eine persönliche Entscheidung betrachten, können wir die Kontrolle über unseren eigenen Körper zurückgewinnen und uns von gesellschaftlichen Normen befreien. Darüber hinaus können wir Kommunikation und Bildung nutzen, um ein besseres Verständnis für die Vielfalt von Nacktheit und ihre unterschiedlichen Kontexte zu fördern. Auf diese Weise können wir (sexuell konnotierte) Vorurteile abbauen und ein offeneres und respektvolleres Verhältnis zur Nacktheit entwickeln. Durch die Entkopplung von Nacktheit und Sexualität können wir ein gesünderes Verhältnis sowohl zu unserem Körper als auch zu unserer eigenen Sexualität aufbauen.

Dabei ist es ganz besonders wichtig zu beachten, dass du nicht nur mit deiner eigenen Nacktheit umgehen musst, sondern auch andere nackte Menschen triffst und mit ihnen in Kontakt bist. Die nackte Begegnung ermöglicht einen Blick auf das Gegenüber. Unsinnig ist die häufig vorgebrachte Aussage, dass man in einem FKK-Verein seinem Gegenüber nur in das Gesicht sehe. In Wahrheit schaust du dir dein Gegenüber immer komplett an, wenngleich der Fokus, zugegeben, nicht auf den Genitalien liegen muss. Es kommt darauf an, dass du nicht auf die primären Geschlechtsteile starrst (und einmal ehrlich: dieses Starren wäre immer seltsam. Ganz gleich, welches Körperteil davon betroffen ist). Jedenfalls ermöglicht diese von der Sexualität entkoppelte Nacktheit einen besonderen Kontakt mit deinen Mitmenschen, der die Kraft hat, dich auf andere und tiefere Weise mit ihnen zu verbinden, als es mit Kleidung möglich ist. In der Akzeptanz der Nacktheit deiner Mitmenschen wird das Ich noch viel stärker zum Du (Martin Buber: „Der Mensch wird am Du zum Ich“). Vorurteile können so viel besser abgebaut und die Empathie für andere Lebenskonzepte intensiviert werden.

Wir müssen uns als Gesellschaft unsere kulturellen Prägungen und Vorstellungen von Nacktheit und Sexualität bewusst machen. Sie sind nicht in Stein gemeißelt, und die bestehende Sex-Nacktsein-Kopplung zu hinterfragen, ja aufzubrechen, ist sowohl für deine eigene Sexualität als auch für die erfolgreiche Bekämpfung von sexuellem Missbrauch wichtig. Denn Nacktheit impliziert weder eine Bereitschaft zum Sex, noch ist ein nackter Mensch allein aufgrund seines Nacktseins ein Sexobjekt.

Darüber hinaus können wir durch eine offene und differenzierte Diskussion über Nacktheit und Nacktsein einerseits sowie über Sexualität und Sex andererseits das Bewusstsein für individuelle Lebenskonzepte stärken. Dadurch können wir letztendlich zu einer Gesellschaft beitragen, in der Nacktheit als natürlicher und wertvoller Teil der menschlichen Erfahrung betrachtet wird, ohne dabei die stereotypen Vorbehalte des sexuellen Missbrauchs und des Schmuddelsex‘ zu bemühen. Mehr öffentliche Nacktheit, – also tatsächliches Nacktsein im öffentlichen Raum und im naturistisch gelebten Sinn, sprich: nicht die Pseudo-Nacktheit in der Werbung und in Hochglanzmagazinen ist gemeint, sondern der unbekleidete Spaziergang im Park, ums Haus oder im Wald (!) – dieses Mehr an Nacktheit bietet Möglichkeiten, auch die Sexualität und die sexuelle Lust losgelöst von der negativ behafteten Sex-Nacktsein-Verflechtung zu betrachten.

Denn es ist doch ganz einfach: Nacktsein ist schön. Sexhaben ist schön. Nacktheit und Sexualität sind zwei verschiedene Dinge. Warum also sollten wir uns aufgrund von Menschen, die sich in beiden Bereichen falsch verhalten, in die Prüderie jagen lassen? Finde lieber über den Weg der Körperpositivität zu deiner Sexualität!

 

 

Entkopple Nacktsein und Sex – mit der Perspektive des Naturismus

Die meisten haben zunächst gar nicht das Bedürfnis, Nacktheit von der Sexualität zu entkoppeln. Das ist verständlich, wenn du den Fokus auf den sexuellen Aspekt legst und ihn mit deinem Nacktsein bereicherst. Aber muss man wirklich beim Nacktsein auch stets Sex haben? Anders gefragt: Ist es sinnvoll, den nackten Körper zu sexualisieren, sodass er gar nicht anders wahrgenommen wird?

Nun ist es durchaus in Ordnung, wenn du zunächst gar kein Interesse hast, an der Verbindung von Nacktheit und Sexualität etwas zu ändern. Ist es für dich völlig ausreichend, beim Sex nackt zu sein, sollte dich das aber nicht davon abhalten, einmal einen Blick auf die von der Sexualität entkoppelten Nacktheit zu werfen – immerhin kannst du damit dein Sexualleben auf ungeahnte Weise bereichern.

Versuche also einmal, das Nacktsein als eigenständigen und natürlichen Zustand zu betrachten, der von deinen sexuellen Aktivitäten losgelöst ist. Das schlichte Nacktsein in der freien Natur, beim Spaziergang oder in der Küche beim Kaffeekochen basiert auf der Idee, dass der menschliche Körper insgesamt, also unter bewusstem Einbezug der primären und sichtbaren Geschlechtsorgane, etwas völlig Natürliches ist. Das heißt, dass du deinen Körper nicht zwangsläufig als etwas Sexuelles betrachten (lassen) musst.

Es gibt viele Menschen, die das so sehen und für sich das Recht beanspruchen, ihren eigenen Körper nicht verstecken zu müssen – nicht vor sich selbst und nicht vor anderen. Sie sind gerne ohne Kleidung, weil sie sich so einfach wohler, freier und besser fühlen. Diese Lebensweise ist unter den Begriffen des Naturismus oder Nudismus und der Freikörperkultur bekannt. Nacktsein gilt hier als Ausdruck von Freiheit, Gleichheit, Respekt und Toleranz. Neben, sprich losgelöst von der Sexualität kannst du auf diese Weise nackt die Natur sowie dein ganzes Umfeld erleben, dich frei von Schamgefühlen bewegen und das eigene Körpergefühl stärken.

Es gibt keine gesellschaftlich festgelegte Norm, wie man seinen Körper betrachten oder präsentieren sollte. Jeder hat das Recht, mit seinem eigenen Körper und seiner Nacktheit umzugehen, wie er es für richtig hält. Es ist wichtig, dass man selbstbewusst und respektvoll seine eigenen Entscheidungen trifft, ohne dabei von den Meinungen anderer beeinflusst zu werden. Die Akzeptanz und Toleranz gegenüber unterschiedlichen Lebensstilen und Körperbildern ist entscheidend, um eine offene und inklusive Gesellschaft zu schaffen. Es ist essentiell, dass wir einander Raum geben, unsere Körper auf unsere eigene Art und Weise zu lieben und zu akzeptieren.

 

 

Nutze den positiven Effekt natürlicher Nacktheit für deine Sexualität

Bei der kulturell und gesellschaftlich verfestigten Sex-Nacktsein-Kopplung wirst du mit deinem Körper zwangläufig als ein Sexobjekt begriffen und erfahren. Das aber kann nicht gut sein, wenn du ehrlich und vorbehaltlos auf die Wünsche und Ziele blickst, die mit der naturistischen Lebensweise verbunden sind. Die Scham vor dem Nacktsein führt vor dem Hintergrund der Sexualisierung des (nackten) Körpers zu einem negativen Körper- und auch Sexualbild. Sie hält die Menschen davon ab, sich (in ihrem Körper) frei und natürlich zu fühlen. Gelingt es dir aber, diese Kopplung aufzubrechen, kannst du einen neuen Zugang zum Umgang mit deinem Körper und deiner Sexualität finden. Du kannst lernen, dich und deine Mitmenschen so zu akzeptieren, wie sie in ihrem anatomischen und ästhetischen Erscheinungsbild sind. Erst dann gelingt es wirklich, andere Lebensstile zu tolerieren – und die eigene Sexualität zu bereichern: mit echter und herzlicher Lust zusammen mit einem Sexualpartner, der nicht zwangsläufig als Sexobjekt auftritt.

 

 

Fazit

Die enge Verknüpfung von Nacktheit und Sexualität in unserer Gesellschaft führt dazu, dass Nacktheit in der Regel nur im Rahmen sexueller Aktivitäten erlebt wird. Betrachten wir aber Nacktheit als eigenständigen und natürlichen Zustand, können wir unser Verhältnis zum eigenen Körper und zur Sexualität positiv beeinflussen. Die Freikörperkultur und insbesondere der Naturismus stehen für eine Lebensweise, bei der Nacktheit Ausdruck von Freiheit, Gleichheit, Respekt und Toleranz ist.

 

Es ist von großer Bedeutung, dass wir als Gesellschaft unsere kulturellen Prägungen und Auffassungen von Nacktheit und Sexualität erkennen und aufbrechen, um eine positive Einstellung zur eigenen Sexualität zu entwickeln. Diese Einstellung sollte unabhängig von der Verknüpfung mit sexueller Lust durch Nacktheit sein. Durch die Entkopplung haben wir die Möglichkeit, unsere Körperbeziehung zu verändern, ein positives Körperbild zu entwickeln und ein erfülltes und respektvolles (Sexual-)Leben zu führen. Dabei sollten wir uns von den Werten gelebter Freiheit, echter Toleranz und wahrer Akzeptanz – des Menschen (!) – leiten lassen.

 

 

 

Sprache, Gender, Sexus und ein blinder Fleck

Verein Deutsche Sprache e. V.

Kopplung von Sex und Nacktsein | Buchcover Krieg der Gendersterne

 

 

 

 

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