Was heißt Supererogation? Ihre Definition, Bedeutung und Erklärung

Supererogation - Was heißt Supererogation?

Die Supererogation ist der springende Punkt, den du kennen musst, wenn wir als Gesellschaft unser Wissen in Anbetracht der Herausforderungen unserer Zeit in die Tat umsetzen wollen.

Die Supererogationsforschung verspricht den größten Aufschluss über die Prozesse und die Initiierung gesellschaftlicher Transformationen. Sie nimmt Handlungen in den Blick, die trotz ihrer moralischen Wertigkeit nicht geboten scheinen oder gar nicht erst als moralische Handlungen wahrgenommen werden. Eine gesellschaftliche Transformation im progressiven Sinne, die über die bloße Reproduktion der bestehenden Gesellschaft hinausgeht, hängt von supererogatorischen Argumenten ab, die auf den ersten Blick außerhalb der Reglementierung einer Verpflichtung oder eines Verbots stehen.

Der Begriff der Supererogation stammt aus dem Lateinischen: Das Verb supererogare meint so viel wie: darüber hinaus zahlen/aufwenden; mehr als nötig zahlen.

1. Warum die Supererogationsforschung wichtig für den öffentlichen Diskurs ist.

Handlungen, die weder verpflichtend noch verboten sind, oder anders ausgedrückt: Handlungen, die zwar moralisch wertvoll sind, deren Verpflichtung man aber nicht wollen kann (Supererogation), zeigen insbesondere im Kontext eines dringend benötigten gesellschaftlichen Wandels die Notwendigkeit von Helden auf, damit Taten, die auf gesellschaftlicher und politischer Ebene nicht als moralisch wertvoll erfasst werden, überhaupt erst in den Blick geraten (können). Die Supererogationsforschung muss sich daher mit Blick auf diesen Sachverhalt selbst genuin definieren und begründen.

Sie setzt sich mit Handlungen auseinander, die zwar für transformative Prozesse entscheidend sind und daher eigentlich moralisch geboten wären (!), zugleich aber in Gesellschaft und Kultur nicht als solche präsent sind oder als relevant erachtet werden. Solche moralisch wertvollen Handlungen in den öffentlichen Diskurs einzubringen birgt das Potenzial, Lösungsansätze für die Herausforderungen unserer Zeit vorurteilsfreier zuzulassen und sie damit ergebnisoffener zu verhandeln.

Für die Initialzündung einer derartigen Diskussionskultur braucht es indes Mut, da supererogative Handlungen, also eigentlich moralisch wertvolle Handlungen, in der Regel aus dem gemeinen Feld moralischen Tuns herausfallen, weil man (aufgrund ihrer Unkenntnis oder weil Sitten und Bräuche ihnen entgegenstehen) nicht wollen kann, dass sie Pflicht sind. Es braucht Heldentum.

2. Warum die Supererogation eine Herausforderung für die Moralphilosophie ist.

Um zu verdeutlichen, inwiefern und warum die Forscher der Supererogation selbst Opfer ihrer eigenen Wissenschaft werden können, greife ich in meiner Schrift Die Objektität des Bewusstseins auf eine Art Handlung zurück, deren Träger sich in einer privilegierten epistemischen Pflicht sehen (Heldentum), gerade deshalb aber als verkannte Helden scheitern müssen.

Menschen, die heldenhaften Mut im genannten Sinn aufweisen, machen uns bewusst, dass es für gesellschaftliche Transformationsprozesse exzessive Handlungstaten braucht (das heißt Handlungen, die aus dem gemeinen Feld moralischen Tuns herausfallen), gerade weil sie in ihrer moralischen Wertigkeit in Gesellschaft, Politik und Kultur nicht erkannt oder gar tabuisiert werden. Nicht nur ein deutliches, sondern auch entscheidendes Beispiel hierfür ist es, dass öffentliches Nacktsein an den gesellschaftlichen Rand gedrängt wird. Im vorgezeichneten Lichte der hier vorgenommenen Erläuterung der Supererogation lässt sich sagen, „dass die Akzeptanz der Nacktheit (i) moralisch wertvoll ist, (ii) mit dem Argument der Supererogation bewiesen werden kann, (iii) die Supererogation aber selbst blind dafür ist und (iv) die Supererogationsforschung schließlich die (…) provozierte Folge aus (i), (ii) und (iii) ist.“¹

Die Supererogationsforschung steht also vor der Aufgabe, heldenhafte Taten zu legitimieren, ohne nolens volens selbst Opfer der eigenen Blindheit für jene Bedingungen zu werden, die einerseits unterdrückte Randgruppen entstehen lassen und andererseits die Notwendigkeit des Heldentums heraufbeschwören. Denn das gesellschaftliche (patriarchal und heteronormativ kultivierte) „Nicht-wollen-Können“ der Pflichtwerdung einer moralisch wertvollen Handlung kann auch, wie hier deutlich wird, aus einem Tabu resultieren, dem die Forschenden selbst unterworfen sind: nämlich dann, wenn sie sich über eine Person empören, die nackt durch den Stadtpark spaziert …

Angesichts dieses Sachverhalts lässt sich eine Kohärenz der Supererogations- mit der Tabuforschung feststellen. Hier zeigt sich, dass eine moralisch wertvolle Handlung möglicherweise auch deshalb nicht zur Pflicht erhoben wird oder werden kann, weil die Argumente der Supererogation selbst blind sein können für das, was mit ihnen prinzipiell bewiesen werden soll.

3. Warum die Supererogationsforschung dafür prädestiniert ist, sich selbst auszuhebeln.

Die Ergebnisse meiner Forschung machen die Notwendigkeit einer solideren theoretischen Begründung supererogatorischer Argumente deutlich. Sie stützen die Vermutung, dass sich die Supererogationsforschung selbst aufhebt, wenn nicht geklärt wird, warum es überhaupt die Möglichkeit gibt, nicht zu wollen oder wollen zu können, dass eine moralisch wertvolle Handlung zur Pflicht erhoben wird. Die Tatsache, dass eine moralisch wertvolle Handlung nicht Pflicht ist, kann ein genuin supererogativer Hinweis auf den eigenen Wirkmechanismus der Supererogation sein. Damit macht sie ihr ureigenes Problem zum Gegenstand ihrer Forschung. Das erklärt darüber hinaus die blinden Flecken in den moralischen Systemen von Gesellschaften und Kulturen.

Dieser besteht darin, unterprivilegierte Gruppen, die sich eigentlich wünschbarem Handeln verschrieben haben, sprich Helden, zu produzieren. Denn in der vorgezeichneten Weise kann das Ergebnis der Supererogationsforschung das Produkt einer selbsterfüllenden Prophezeiung sein, nicht wollen zu können, dass eine eigentlich moralisch wertvolle Handlung zur Pflicht erhoben wird – insbesondere dann, wenn die Supererogationsforschung um ihrer selbst willen und innerhalb tabubedingter Wirkmechanismen betrieben wird: „Das (…) bedeutet, dass die moralisch wertvolle Handlung deshalb blindlings nicht gewollt wird oder gewollt werden kann, weil die Konsequenz, die de facto aus der Akzeptanz der Handlung folgt, ein Tabu ist.“² Tatsächlich müssen wir aber gerade nach einer solchen tabubeladenen Handlung suchen!³

Fazit: Werde ein Held – oder lasse andere Helden sein!

Brauchst du Hilfe? Philosophiere einfach und sprichwörtlich hautnah an der Praxis. Erfahre, warum das aufklärerische Sapere aude! zum Nudare aude! weiterentwickelt werden muss, wenn wir als Weltgemeinschaft nicht wie das Kaninchen vor der Schlange gelähmt vor den Herausforderungen unserer Zeit stehen wollen.

Diese 2 Schritte verhelfen dir zum Heldentum:

Schritt 1: Erkenne den supererogatorischen Wirkmechanismus, der Lösungswege unterdrückt

Die Homophobie ist ein gutes Beispiel aus unserer gesellschaftlichen Entwicklung, mit dem du dir diesen Mechanismus vor Augen führen kannst. Er ist hier durchschaubar, weil die supererogatorische Unterdrückung der Akzeptanz von Homosexualität infolge ihrer gesellschaftlichen Enttabuisierung nicht (mehr gänzlich) funktioniert. Schließlich kannst du wollen, dass du selbst oder andere in der Öffentlichkeit homosexuell sind, weil die Überwindung von Homophobie nicht mehr mit einem öffentlichen Denkverbot belegt ist! Klar ist hierbei, dass es zu Beginn dieser moralischen Entwicklung in unserer Gesellschaft und Kultur Helden braucht. Bist du ein Held? Du musst es nicht im Bereich dieses Beispiels sein!

Schritt 2: Stelle das Gute (deinen ethisch begründeten Lösungsweg) über deine soziale Anerkennung

Der supererogatorische Unterdrückungsmechanismus zieht seine Kraft aus der Angst vor Ablehnung. Wenn du ehrlich zu dir selbst bist, dann gestehst du dir ein, dass es diese Angst ist, die dich an bestimmten sittlichen Normen und Gebräuchen festhalten lässt. Denn den Bruch mit den anderen willst du nicht wagen – du magst gar nicht erst daran denken, bevor du Gefahr läufst, deine soziale Anerkennung zu verlieren.

Bei der Bekämpfung der Homophobie ist es nun weit leichter, in persona dagegen vorzugehen, sprich sich selbst als homosexuell zu outen, weil die Akzeptanz der Handlung (des Homosexuell-Seins) kein Tabu mehr ist und du mehr oder weniger dein Leben unbeschadet fortführen kannst. Der Schritt des Outens mag zwar noch immer vielen schwer fallen. Ihn aber trotz der Angst vor einer Ablehnung seiner Mitmenschen zu tun, liegt aufgrund der sozialen Anerkennung der Homosexualität inzwischen doch wesentlich näher.

Wie sieht es nun mit der Gymnophobie in unserer Gesellschaft aus? Traust du dich, nackt im Schwimmbad zu sein oder spazieren zu gehen? Du machst es nicht, weil es doch verboten sei …? Nun, das ist es nicht per se, ganz im Gegensatz zu homosexuellen Handlungen, die in Deutschland einst mit empfindlichen Strafen gesetzlich untersagt waren. Du siehst, worauf ich hinauswill: Wenn du an den moralischen Fortschritt glaubst, wenn du die Welt wirklich besser machen willst, dann solltest du (auch) in diesem Fall ein Held sein oder andere Helden sein lassen!

Nudare aude! – Habe Mut, die Welt besser zu machen!

Weshalb die Auflösung der Gymnophobie moralisch geboten ist, lege ich in meinem kulturphilosophischen Werk Die Objektität des Bewusstseins insgesamt dar. Eine fundierte Auseinandersetzung mit der Supererogation und ihrer Forschung findet sich auf den Seiten 522ff.


Quelle:
¹ Wolfstädter, U. T. (2021): Die Objektität des Bewusstseins. Berlin: Frank & Timme, S. 595.
² Ebd., S. 528.
³ Vgl. ebd., S. 593.

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