Homo nudus: der nackte Mensch – eine Begriffsanalyse

Homo nudus – der nackte Mensch | Jesus nackt am Kreuz

Kann ein Mensch „nackt“ sein?

Was bedeutet es eigentlich, wenn wir sagen:

„Dieser Mensch ist nackt“?

Für uns scheint die Antwort selbstverständlich: Ein Mensch ist nackt, wenn er keine Kleidung trägt.

Doch wenn wir das deutsche Wort „nackt“ unmittelbar auf die Antike übertragen, sollten wir genauer hinsehen.

Denn das lateinische Wort nudus bedeutet nicht einfach nur das, was wir heute mit unserem kulturell und moralisch aufgeladenen Begriff „nackt“ verbinden. So kann im Lateinischen, so meine These, der Ausdruck Homo nudus besser mit Der einsame Mensch übersetzt werden.

Ich behaupte nicht, dass die Römer einen unbekleideten Menschen nicht als solchen erkannt hätten. Das wäre falsch.

Natürlich wussten die Römer, wenn ein Mensch keine Kleidung trug; und das Wort nudus konnten sie sodann auch auf den Menschen beziehen.

Die entscheidende Frage ist aber vielmehr:

Konzeptualisierten die Römer diesen Zustand in derselben Weise, wie wir heute „Nacktheit“ konzeptualisieren?

Ich meine: Das ist keineswegs selbstverständlich.

Was bedeutet nudus?

Das lateinische nudus bezeichnet zunächst einen Zustand des Entblößtseins, des Unbedecktseins oder des Fehlens einer Ausstattung.

Das zeigt sich besonders deutlich daran, dass nudus nicht nur auf Menschen angewendet wird.

Ein Baum kann nudus sein, wenn ihm das Laub fehlt.

Ovid schreibt etwa:

sine frondibus arbor nuda riget

– „ohne Blätter steht der kahle Baum da“.

Auch ein Schiff kann nudus sein, wenn ihm etwas fehlt, das zu seiner Ausstattung gehört. Ebenso kann ein Soldat nudus sein, wenn er ohne Waffen oder Schutz dasteht.

Das Bedeutungsfeld von nudus ist also wesentlich weiter als unser heutiges „nackt“ und bezieht sich vielmehr auf andere Dinge als auf den unbekleideten Menschen.

Gemeinsam ist diesen Verwendungen eine Grundidee:

Etwas ist nudus, weil es von einer Bedeckung, Ausstattung oder einem Schutz entblößt ist.

Das kann ein Baum ohne Laub sein.

Ein Schiff ohne Ruder.

Ein Soldat ohne Waffen.

Ein Mensch ohne Kleidung.

Das Entscheidende ist dabei: Das Wort selbst sagt zunächst noch nichts darüber aus, ob dieser Zustand gut, schlecht, schändlich, peinlich oder selbstverständlich ist.

Nudus bedeutet beim Menschen durchaus „ohne Kleidung“

Hier möchte ich eine frühere Aussage dieses Artikels ausdrücklich korrigieren.

Ich hatte geschrieben, der „nackte Mensch“ sei in der griechischen und lateinischen Literatur nicht überliefert.

Das war zu pauschal.

Natürlich gibt es im Lateinischen Menschen, die als nudus bezeichnet werden.

Ein besonders eindeutiges Beispiel findet sich bei Cicero:

iam erit nudus in balneo, non reprehendes.

„Er wird nackt im Bad sein – du wirst ihn nicht tadeln.“

Cicero bezeichnet hier einen Menschen ausdrücklich als nudus.

Auch Seneca schreibt:

is iam nudus inermisque producitur

– „er wird nun nackt und wehrlos vorgeführt“.

Damit ist klar:

Der antike Mensch konnte sehr wohl als nudus bezeichnet werden.

Die Frage ist also nicht, ob die Römer Nacktheit kannten.

Die Frage ist:

Was genau bezeichnet nudus – und welche Bedeutung geben wir diesem Wort heute nachträglich?

Nackt im Bad – und nackt beim Gastmahl

Besonders aufschlussreich sind zwei Stellen Ciceros.

In einem Brief an Paetus schreibt er:

ipsa res modo honesta, modo turpis: suppedit – flagitium est; iam erit nudus in balneo – non reprehendes.

Sinngemäß:

„Die Sache selbst ist bald ehrenhaft, bald schändlich: Er furzt – das ist eine Schande; gleich wird er nackt im Bad sein – du wirst es nicht tadeln.“

Cicero macht hier einen entscheidenden Punkt:

Dieselbe körperliche Sache kann je nach Situation unterschiedlich bewertet werden.

Im Bad ist der Mensch nudus.

Und niemand wird ihn deshalb tadeln.

Nudus bedeutet hier schlicht: ohne Kleidung.

Die Nacktheit selbst ist kein flagitium, keine Schande.

Anders bei Verres

An anderer stelle beschreibt Cicero dagegen Verres:

Verris mores improbos impurosque nostis: … in convivio dominus, ac tum maxime cum accubante praetextato praetoris filio saltare in convivio nudus coeperat.

Sinngemäß:

„Ihr kennt Verres‘ schlechte und schamlose Sitten: Beim Gastmahl war er der Herr, und gerade als der Sohn des Prätors in seiner Prätexta beim Mahl lag, begann er, nackt beim Gastmahl zu tanzen.“

Cicero bewertet hier Verres‘ Verhalten scharf.

Aber etwas Entscheidendes sollte man beachten:

Er sagt nicht, dass das Wort nudus „schamlos“ bedeutet.

Er sagt:

Verres tanzte nudus.

Die moralische Bewertung entsteht aus der gesamten Situation.

Verres tanzt nackt bei einem Gastmahl, und dies geschieht in Gegenwart des Prätors Sohn, der die praetexta trägt.

Cicero konstruiert damit einen starken Gegensatz:

praetextatus filius ↔ nudus Verres

gesellschaftlich erwartete Würde ↔ nacktes Tanzen beim Gastmahl

Das Verhalten des Verres wird dadurch als schamlos dargestellt.

Aber:

Das Wort nudus selbst bedeutet nicht „schamlos“.

Es bezeichnet zunächst den körperlichen Zustand.

Nackt ist nicht automatisch unanständig

Das ist für mich der entscheidende Punkt.

Wenn nudus automatisch „unanständig nackt“ oder „schamlos entblößt“ bedeuten würde, wäre die Cicero-Stelle aus Ad familiares kaum verständlich:

nudus in balneo

Der Mann ist nackt.

Und Cicero sagt ausdrücklich:

non reprehendes

– „du wirst ihn nicht tadeln“.

Warum?

Weil der Kontext die Bedeutung bestimmt.

Im Bad ist der unbekleidete Körper selbstverständlich. Und: gemeint ist nicht das Bad zu Hause, sondern mit aller Wahrscheinlichkeit die öffentliche Therme.

Beim Gastmahl kann nacktes Tanzen dagegen als unangemessen erscheinen.

Daraus folgt:

Nacktheit als körperlicher Zustand und die moralische Bewertung dieses Zustands sind zwei verschiedene Dinge.

Das ist also keine moderne Erfindung. Schon Ciceros Sprachgebrauch zeigt diese Unterscheidung.

Was fehlt dem homo nudus?

Hier liegt der eigentliche Kern meiner These.

Wenn wir heute sagen:

„Der Mensch ist nackt“,

denken wir sehr schnell in einer eigenen Kategorie:

Nacktheit.

Wir können sogar von „der Nacktheit“ sprechen.

Wir können Nacktheit als gesellschaftliches Phänomen, als Lebensweise, als Identität oder als moralisches Problem diskutieren.

Das lateinische nudus ist dagegen viel stärker aus der Perspektive der schlichten Entblößung gedacht.

Der Baum ist nudus, weil ihm das Laub fehlt.

Das Schiff ist nudus, weil ihm eine Ausstattung fehlt.

Der Soldat ist nudus, wenn ihm Waffen oder Schutz fehlen.

Der Mensch ist nudus, weil ihm Kleidung fehlt.

Das bedeutet:

Der Mensch ist nudus, weil Kleidung abwesend ist.

Aber daraus folgt nicht:

Der Mensch ist als Mensch unvollständig.

Und schon gar nicht:

Der Mensch ist moralisch minderwertig.

Ohne Kleidung heißt nicht ohne Würde

Genau hier möchte ich mich von einer häufigen gedanklichen Verbindung lösen:

ohne Kleidung → nackt → beschämt → unanständig → sexuell

Diese Kette ist keineswegs (sprachlich) zwingend.

Das lateinische nudus enthält eine solche moralische Wertung nicht von sich aus.

Ein Mensch kann nudus sein.

Die Frage, ob das angemessen oder unangemessen ist, wird außerhalb des Wortes entschieden.

Ciceros Beispiele zeigen das sehr schön:

nudus in balneo
ohne Kleidung im Bad – selbstverständlich

gegenüber:

saltare in convivio nudus
nackt beim Gastmahl tanzen – im gegebenen sozialen Kontext anstößig

Nicht das Wort nudus verändert seine Bedeutung.

Die Situation verändert die Bewertung.

Der Unterschied zwischen „nackt“ und „ohne Kleidung“

Damit komme ich zu meiner eigentlichen These.

Ich möchte nicht behaupten:

„Die Römer kannten das Wort nackt nicht.“

Das wäre falsch.

Und ich möchte auch nicht behaupten:

„Die Römer konnten nicht erkennen, dass ein Mensch keine Kleidung trug.“

Natürlich konnten sie das.

Meine These ist eine andere:

Wir sollten das lateinische nudus nicht unkritisch mit dem modernen kulturellen Konzept „Nacktheit“ gleichsetzen.

Nudus beschreibt zunächst den Zustand des Entblößtseins beziehungsweise des Fehlens einer Bedeckung oder Ausstattung.

Das lässt sich an seiner Verwendung für Menschen ebenso erkennen wie an seiner Verwendung für Dinge und andere Lebewesen.

Ein Mensch ohne Kleidung ist deshalb zunächst:

ein Mensch ohne Kleidung.

Nicht automatisch:

ein Mensch, dem als Mensch etwas fehlt.

Und schon gar nicht:

ein moralisch defizitärer Mensch.

Der Mensch ist auch ohne Kleidung vollständig Mensch

Vielleicht liegt gerade hierin eine interessante Perspektive der Antike:

Der Mensch verliert seine menschliche Würde nicht dadurch, dass ihm Kleidung fehlt.

Er bleibt Mensch.

Sein Körper wird durch das Fehlen von Kleidung nicht zu etwas moralisch Minderwertigem oder Anstößigem.

Dass eine konkrete Situation als schamhaft oder anstößig bewertet werden kann, ist etwas anderes.

Das zeigt gerade das Beispiel des Verres:

Nicht der nackte Körper an sich wird mit nudus moralisch verurteilt.

Verurteilt wird ein bestimmtes Verhalten in einem bestimmten sozialen Zusammenhang.

Das ist ein entscheidender Unterschied.

Und was bedeutet dann homo nudus?

Der Ausdruck homo nudus ist deshalb zunächst nicht geheimnisvoll.

Er kann ganz einfach bedeuten:

„ein Mensch ohne Kleidung“, „der entblößte/unbekleidete Mensch“

bzw. je nach Kontext:

„ein einsamer Mensch“.

Ich korrigiere damit ausdrücklich meine frühere Behauptung, homo nudus könne es im klassischen Latein nicht geben.

Die interessante Frage ist vielmehr:

Was bedeutet es kulturell, wenn ein Mensch nudus ist?

Und genau hier beginnt die eigentliche Diskussion über Nacktheit.

Denn ein unbekleideter Mensch ist nicht automatisch ein beschämter Mensch.

Nicht automatisch ein sexueller Mensch.

Nicht automatisch ein anstößiger Mensch.

Und nicht automatisch ein Mensch, dem als Mensch etwas fehlt.

Der homo nudus ist im Sinne der antiken Kultur wohl eher ein einsamer Mensch, wenn zum Ausdruck gebracht werden soll, dass ihm etwas Wesentliches fehlt: was nicht seine Kleidung ist!!

In der Antike (wie eigentlich auch heute) machte die Gemeinschaft den Menschen aus, er lebte im Zweckverband, der ein nicht wegzudenkender Bestandteil von ihm darstellte (deshalb sprach Aristoteles vom Zoon politikon, altgriechisch ζῷον πολιτικόν). Ein Einzelgänger war dann also in diesem Sinne „nackt“, er war ohne Gemeinschaft.

Was wäre, wenn wir Nacktheit wieder vom moralischen Ballast befreien?

Vielleicht liegt gerade darin die Aktualität des homo nudus.

Wir können einen Menschen ansehen, der keine Kleidung trägt, und zunächst einmal nur feststellen:

Er trägt keine Kleidung.

Nicht mehr.

Aber auch nicht weniger.

Sein Körper ist nicht automatisch unanständig.

Seine Genitalien machen ihn nicht automatisch zu einem sexuellen Wesen oder zu einem Sexobjekt.

Seine Kleidungslosigkeit macht ihn nicht zu einem moralisch anderen Menschen.

Und seine Würde hängt nicht davon ab, ob er bekleidet ist.

Vielleicht sollten wir deshalb zwischen zwei Dingen unterscheiden:

Der Mensch ohne Kleidung

und

die moralische Bewertung des Menschen ohne Kleidung.

Das erste ist eine körperliche Tatsache.

Das zweite ist eine gesellschaftliche, derzeit leider oft diskriminierende, Interpretation.

Der nackte Mensch, – dem nichts fehlt

Damit möchte ich meine ursprüngliche Idee neu und präziser formulieren.

Der nackte Mensch ist jemand, dem lediglich Kleidung fehlt.

Und gerade deshalb fehlt ihm als Mensch nichts Wesentliches.

Er bleibt derselbe Mensch.

Mit Kleidung.

Ohne Kleidung.

Im Bad.

Auf der Wanderung.

Beim Schwimmen.

Beim Sport.

Oder einfach dort, wo er sich aus freier Entscheidung ohne Kleidung bewegen möchte.

Die Kleidung kann fehlen.

Der Mensch fehlt nicht.

Vielleicht ist das die eigentlich interessante Bedeutung von homo nudus:

Nicht der unvollständige Mensch.
Nicht der beschämte Mensch.
Nicht der sexuelle Mensch.
Sondern schlicht der Mensch ohne Kleidung.

Und wenn wir Nacktheit heute wieder selbstverständlich denken wollen, sollten wir vielleicht genau dort beginnen:

Nacktsein ist zunächst keine moralische Aussage. Es ist zunächst nur ein Zustand des Körpers.

Die Frage, was wir daraus machen, ist eine andere.

Können Statuen nackt sein?

Oft ist bei Statuen die Rede davon, dass sie nackt seien. Doch kann das richtig sein?

In einer Schlagzeile heißt es: „Renzi kritisiert Verhüllung nackter Statuen“ (Badische Zeitung, 28.01.2016, S. 5). Denn entweder müsste man sagen, dass Statuen immer nackt sind, wobei es keine Rolle spielt, ob sie einen unbekleideten Menschen abbilden oder einen bekleideten, oder sie sind es eben nicht – weil Statuen nun einmal in jedem Falle aus Steinblöcken gehauene Skulpturen sind.

An diesem Beispiel offenbart sich einmal mehr die Beziehung der Menschen zu ihren Genitalien, wenn sogar Steinblöcke als nackt bezeichnet werden, die es im menschlichen Sinne gar nicht sein können. Und das – es sei nochmals eindringlich hervorgehoben – nur deshalb, weil primäre Geschlechtsteile darin zu sehen sind, wenngleich auch nur in Stein gemeißelte.

Das ist sehr seltsam, definieren wir uns doch geradewegs durch sie und mit ihnen…

> > > Mehr dazu lesen

Ich bin nackt – na und?

Vielleicht brauchen wir deshalb weniger Angst vor dem Wort „nackt“.

Und vielleicht müssen wir den unbekleideten Menschen auch nicht erst moralisch rechtfertigen.

Er ist nicht weniger Mensch.

Er ist nicht weniger würdig.

Er ist nicht automatisch sexuell.

Er ist nicht automatisch unanständig.

Er ist schlicht:

ein Mensch ohne Kleidung.

Homo nudus.

Und vielleicht ist das viel weniger spektakulär, als das, was wir in unserer heutigen Kultur daraus gemacht haben.

To be in the altogether

Im Englischen gibt es den Ausdruck „to be in the altogether“, was die Erscheinung im Adamskostüm bezeichnet. Altogether steht dabei für „completely“, also vollkommen. Der Mensch ist demnach – auch dann(!), oder erst dann (?) – vollkommen, wenn er ohne Kleidung ist.

Im homo nudus erkenne ich gar eine gesteigerte Nacktheit des Menschen, eine Art der radikalen Entblößung, die die menschliche Vollkommenheit offenbart und über die physische Nacktheit hinausgeht. Während die körperliche Nacktheit den Menschen lediglich ohne Kleidung darstellt, zeigt die nudale Vollkommenheit eine tiefere Entblößung, sie zeigt den Menschen, dem nichts fehlt, und symbolisiert eine Art innere, unverhüllte Existenz; eine positive identitäre Stärke.

Mit der Entblößung des Körpers, erscheint die menschliche Identität, die nicht aus seinem Geschlecht erwächst: Vulva und Penis (oder was auch immer dazwischen) sind nur zufällige Merkmale, keine anderen wie es zum Beispiel Blutgruppen oder Augenfarben sind. To be in the altogether meint das antike Verständnis des Menschen als Mensch (nicht als Mann oder Frau), dem nackt nichts fehlt und seine Vollkommenheit zeigt – ganz ohne Scham für sich selbst!

Nackt ist der Mensch stärker, da er sich von den äußerlichen Schichten seiner genitalen Identität befreit und sich seiner wahren Identität und Existenz bewusst ist. Der Homo nudus steht für den Menschen, der nicht in den Fesseln des heutigen Verständnisses des Nacktseins steht. Nackt zu sein ist ein Akt der Befreiung und der Selbstverwirklichung des Menschen in seiner Stärke und Verwundbarkeit zugleich.

Das Entblößtsein, sprich das Bloß-Sein ist ein Zustand, der den Menschen nicht nur körperlich, sondern insbesondere in seinem Innern berührt. Es ist ein Zustand nackter Offenheit und Stärke.

Der Homo nudus bezeichnet also nicht nur den Menschen, dem etwas fehlt (der einsame Mensch), sondern, wie ich nun herausstelle, auch den vollkommenen Menschen im Sinne seiner positiven Annahme seiner Selbst – ohne Scham.

Homo nudus | Jesus nackt am Kreuz stehend

Jesus hing nackt am Kreuz

„Herr Gott, hört des Unschuldigen Stimme!“

Das sind die Worte eines Vaters, als sein Sohn ruft: „Aber er hat ja nichts an!“

So kommt in Hans Christian Andersens Märchen Des Kaisers neue Kleider die Wahrheit ans Licht: Der Kaiser ist nackt, er kann es mit dieser kindlichen Ehrlichkeit nicht mehr kaschieren, das Publikum kann nicht mehr so tun, als ob es die Nacktheit des Kaisers nicht bemerkt hätte.

Auch Jesus hing nackt am Kreuz. Gewöhnlich wird der gekreuzigte Jesus heute jedoch mit einem Lendentuch dargestellt. Doch in Wirklichkeit, wurde er damals vor seiner Kreuzigung von Soldaten vollständig entblößt und dann vollkommen nackt ans Kreuz geschlagen (Johannes 19, 1‑3). Erst im 16. Jahrhundert unter Papst Pius IV. wurden die nackten Darstellungen Jesu unterbunden.

Schaue dir vor diesem Hintergrund das folgende Zitat von Papst Johannes Paul II an:

„Der Mensch erscheint in der sichtbaren Welt als der höchste Ausdruck des göttlichen Geschenks, weil er das ganze Ausmaß dieses Geschenks in sich trägt. Und damit bringt er seine besondere Ähnlichkeit mit Gott in die Welt, durch die er auch seine Sichtbarkeit in der Welt, seine Leiblichkeit (…) und seine Nacktheit (…) beherrscht.“

Papst Johannes Paul II

Damit, dass der Mensch seine Nacktheit beherrsche, meint Papst Johannes Paul II nicht, dass dies mit Kleidung geschieht, der Mensch also mittels textiler Verhüllung seine leibliche Sichtbarkeit in der Welt kaschiert.

Nein! – die Leiblichkeit und Nacktheit zu beherrschen heißt, sich bewusst darüber zu sein, als höchster Ausdruck des göttlichen Geschenks zu erscheinen, selbstverständlich nackt.

Ja, du bist ein Geschenk, nackt wie du in die Welt gekommen bist; so ist Papst Johannes Paul II unmissverständlich zu interpretieren.

Denn der wahre Mensch ist nicht durch äußere Dinge wie Reichtum oder Status definiert, sondern durch seine innere Haltung und Weisheit. Der Mensch, der seine Nacktheit als seine Vollkommenheit betrachtet, ist von äußeren Bindungen und Versuchungen befreit und lebt das „Wesentliche“ seines Seins.

Was heißt das für den Kaiser aus Hans Christian Andersens Märchen?

Was heißt das für dich?!

Der Ausruf des Kindes „Aber er hat ja nichts an!“ ist eine nüchterne Feststellung, eine entblößende ehrliche. Auch bei Jesus am Kreuz müssten wir jedesmal ausrufen: „Aber er hatte doch gar nichts an, er starb für die Sünden der Menschen!“

Nackt zu sein ist deine Stärke, zeige dich in kaiserlichem Glanz!

Fazit

Der Homo nudus bezeichnet also nicht nur den Menschen, dem etwas fehlt, sprich den einsamen Menschen, sondern auch den vollkommenen Menschen im Sinne seiner positiven Annahme seiner Selbst – ohne Scham.

Für gläubige Christen bedeutet das in meinen Augen, die Nacktheit Jesu am Kreuze ernst zu nehmen und zu akzeptieren – ja: dafür einzustehen. Denn Jesus hat seine Nacktheit begrüßt, weil er nichts zu verbergen hatte. Seine Nacktheit steht für seine Unschuld, und für die Schuld der Menschen, für die er gestorben ist.

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3 Kommentare

  1. Puh, das ist wieder ein echt anspruchsvoller Text, den ich erst einmal mehrmals lesen musste, um ihn (hoffentlich) zu verstehen.

    Für mich persönlich liegt in der Nacktheit und darin, dass ich auch bereit bin, mich nackt zu zeigen, eine unglaubliche Stärke.
    Denn unbelastet kann ich dies nur tun, wenn ich die Scham überwunden habe. Scham empfinde ich als ein Instrument, welches mich davon abhalten soll, schlimme Dinge zu tun. Nur hier empfinde ich Scham als angemessen. Wenn ich anderen Leid zugefügt habe, dann kann die daraus resultierende Scham sinnvoll sein, meine Handlung zu hinterfragen und zu korrigieren.

    Aber wo die Scham sich auf unsere Nacktheit bezieht, wo sie destruktiv auf mich selbst angewendet wird, da ist sie einfach völlig deplatziert.
    Gelingt es mir, diese Scham abzulegen und mich schambefreit in meiner nackten Vollkommenheit anzunehmen, dann gewinne ich an Stärke und bin auch für eventuelle Anfeindungen nicht mehr empfänglich.

    Es ist schade, viele Menschen (mich eingeschlossen) so lange brauchen, um sich von der Scham zu befreien und ein nacktes, erfülltes Leben zu führen.

    Daher herzlichen Dank für solche Denkanstöße!

    Antworten
    • Hallo Ralf,
      vielen Dank für dein Kommentar!
      Inzwischen habe ich noch kleine Ergänzungen in den Text eingearbeitet.
      Die Sache mit der Scham: Genau so ist es, wir schämen uns für das Falsche. Es passieren tagtäglich so viele schlimme Dinge auf der Welt, die als ganz normal hingenommen werden, aber geschrien wird, wenn ein Nackter unterwegs ist.
      Lieber Gruß
      Ulrich

      Antworten
  2. m Thomas-Evangelium Legion 37 gibt es eine Stelle, wo die Jünger Jesus fragen, wann er ihnen offenbart wird bzw. wann sie ihn wieder sehen werden: „An welchem Tag wirst du uns erscheinen und an welchem Tag werden wir dich sehen?“
    Jesus sagte: „Wenn ihr euch eurer Blöße entkleidet, ohne euch zu schämen, und eure Kleider nehmt und sie unter eure Füße legt wie kleine Kinder und sie zertritt wie Menschen, die sie zertreten, – dann werdet ihr den Sohn des Lebendigen sehen, und ihr werdet euch nicht fürchten.“

    Die Antwort Jesu ist metaphorisch und verweist auf ein inneres Erkennen oder eine Art spirituelle Wiedergeburt (z. B. das Ablegen weltlicher Vorstellungen oder Egosymbolik – die Kleider – um das Göttliche zu erkennen). Das Entkleiden symbolisiert also das Ablegen der materiellen oder körperlichen Hülle und das Nicht-Schämen verweist auf das Wiedererlangen eines kindlichen, unschuldigen Zustands, etwa vergleichbar mit Adam und Eva vor dem Sündenfall. Es ist somit eine innere Christus-Erfahrung und keine reale Wiederkunft Jesu. Dieses Zitat aus dem Thomas-Evangelium unterstreicht die Bedeutung des Verzichts auf äusserliche Erscheinungen, um eine tiefere Verbindung mit dem Göttlichen zu erreichen. Es betont die Notwendigkeit, die eingefahrende Denkweise zu verlassen und eine unbefangene, kindliche Wahrnehmung zu entwickeln, um die wahre Wahrheit zu erkennen.

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