Warum ich Markus Gabriel widerspreche

Kritik an Markus Gabriel: Zur Selbstbildfähigkeit gehört die Leiblichkeit

Markus Gabriels Neo-Existenzialismus erscheint modern, bleibt für mich aber in der alten philosophischen Grundfigur gefangen: hier das Subjekt, dort die Welt. Meine Theorie der Objektität des Bewusstseins setzt tiefer an.

Gabriel gehört zu den bekanntesten deutschen Philosophen der Gegenwart. Er wendet sich gegen einen platten Naturalismus und betont, dass der Mensch nicht einfach vollständig naturwissenschaftlich erklärt werden kann. Gerade darin sehen viele die Stärke seines Denkens.

Ich sehe darin seine Schwäche.

Denn aus meiner Sicht überwindet Gabriel die alte philosophische Grundfigur gar nicht wirklich. Er modernisiert sie nur. Noch immer bleibt dort ein Subjekt, das sich selbst deutet, sich entwirft und sich ein Bild von sich macht — und hier eine Welt, zu der es sich verhält. Genau diese Trennung halte ich für den Fehler.

Nicht hier das Subjekt und dort die Welt. Nicht hier der Geist und dort der Leib. Nicht hier das Innere und dort das Äußere.

Mein Ausgangspunkt ist ein anderer: Bewusstsein ist nur wirklich, indem es in seiner Objektität steht. Das heißt, wenn das Bewusstsein per se als Leiblichkeit gedacht wird.

Gabriel will die Subjektivität des Menschen gegen ihre naturalistische Auflösung verteidigen. Dabei hebt er besonders die Selbstbildfähigkeit hervor. Der Mensch soll mehr sein als ein naturwissenschaftlich beschreibbares Objekt, weil er sich zu sich selbst verhalten kann.

Das klingt zunächst überzeugend. Aber philosophisch reicht es nicht.

Denn die Rede von der Selbstbildfähigkeit erklärt nicht, warum Bewusstsein überhaupt leiblich in Erscheinung tritt. Sie beschreibt nur, dass der Mensch sich selbst deutet. Sie erklärt aber nicht, warum dieses Selbstverhältnis an eine leibliche Wirklichkeit gebunden ist, die nicht bloß Beiwerk, sondern Bedingung der Wirklichkeit des Bewusstseins ist.

Genau hier setze ich an.

Meine Frage lautet nicht zuerst: Wie entwirft sich der Mensch?
Meine Frage lautet: Was ist die Objektität?

Denn nur wenn diese Frage gestellt wird, wird sichtbar, dass Bewusstsein nicht etwas ist, das einer äußeren Welt nachträglich gegenübersteht. Bewusstsein ist nicht ein inneres Zentrum, das sich dann mit einer Außenwelt vermittelt. Vielmehr ist es nur wirklich als objektitäres, also leiblich erscheinendes Bewusstsein.

Gabriel beansprucht, die Subjekt-Objekt-Spaltung hinter sich zu lassen. Doch aus meiner Sicht bleibt sie bei ihm bestehen. Wenn die Sinne nur eine Schnittstelle „zwischen dem, was wir sind, und dem, was wir nicht sind“ bilden, dann ist die Andersartigkeit eben gerade nicht aufgehoben. Dann ist sie nur anders formuliert.

Noch deutlicher wird mein Einwand dort, wo Gabriel die Unmöglichkeit betont, Subjektivität naturalistisch vollständig zu überholen, und daraus die Selbstbildfähigkeit des Menschen ableitet. Genau darin sehe ich keinen Fortschritt, sondern einen Rückfall in das alte Denken: Das Subjekt wird erneut von seiner Objektität abgespalten.

Mein Widerspruch lautet deshalb schlicht:

Gabriel verteidigt das Subjekt. Ich bestreite die Trennung, auf der diese Verteidigung beruht.

Mit der Objektität des Bewusstseins meine ich: Bewusstsein ist nicht zuerst ein inneres Subjekt, das dann einen Leib „hat“. Es ist nur wirklich, indem es leiblich in Erscheinung tritt. Der Leib ist nicht bloß das Gegenüber eines denkenden Inneren. Er ist die Weise, in der Bewusstsein überhaupt wirklich ist.

Das ist keine Nebensache. Das ist der philosophische Kern.

Denn solange wir den Menschen als ein Subjekt denken, das sich von seiner eigenen leiblichen Wirklichkeit abheben muss, bleiben wir in einer Entfremdung stecken. Dann sprechen wir von Freiheit, ohne ihre Grundlage verstanden zu haben. Dann sprechen wir von Identität, ohne zu begreifen, dass unsere ganze Kultur darauf beruht, die eigene Objektität zu übersehen.

Darum genügt es nicht, von Selbstdeutung, Selbstbild oder Selbstverhältnis zu sprechen. Man muss tiefer ansetzen: bei der Objektität selbst.

Für viele klingt es zunächst überraschend, wenn an dieser Stelle auch das Thema Nacktheit auftaucht. Für mich ist das jedoch kein Randthema, sondern ein Prüfstein.

Denn gerade am gesellschaftlichen Umgang mit Nacktheit zeigt sich, wie tief wir in der Trennung von Subjekt und Objekt gefangen sind. Der menschliche Leib erscheint dann nicht mehr als die objektitäre Wirklichkeit des Bewusstseins, sondern als etwas, von dem das Subjekt sich distanzieren soll. Die Scham macht aus der eigenen Leiblichkeit ein Problem. Das Nackttabu macht aus ihr etwas, das verborgen, kontrolliert und kultursprachlich umgangen werden muss.

Darum ist die Frage nach Nacktheit philosophisch nicht belanglos. An ihr wird sichtbar, dass wir uns selbst oft gerade nicht als objektitäre Wesen annehmen. Wir tun vielmehr so, als müsse das „eigentliche Ich“ über der eigenen Leiblichkeit stehen.

Genau darin liegt ein Irrtum, der weit über Kleidung hinausreicht.

Wer die eigene Objektität nicht denken kann, wird auch Freiheit, Identität und Moral nur verzerrt denken.

Hinzu kommt für mich ein weiterer Punkt: Auch dort, wo Gabriel sprachlich inklusiv sein will, zeigt sich das Problem seiner Theorie. Wenn in einer Fußnote erklärt werden muss, wer alles „mitgemeint“ ist, dann zeigt das, dass Akzidenzien wieder zu Trägern von Identität gemacht werden, obwohl sie eigentlich gar nicht den Kern des Menschseins ausmachen. Für mich bestätigt das, dass hier weiter im kultursprachlichen Subjekt-Objekt-Konglomerat gedacht wird.

Das Problem wird also nicht gelöst, sondern sprachlich verwaltet.

Statt zu fragen, was der Mensch in seiner Objektität ist, wird erneut festgelegt, welche Zuschreibungen sichtbar gemacht, mitgemeint oder sprachlich abgesichert werden sollen.

So bleibt man im Bereich der Korrelate. Man erreicht nicht die Objektität selbst.

Wenn ich meine Kritik an Markus Gabriel auf einen Satz zuspitze, dann diesen:

Er will den Menschen retten, indem er seine Selbstbildfähigkeit betont; ich halte genau das für unzureichend, weil damit die Abspaltung des Subjekts von seiner Objektität erhalten bleibt.

Oder noch schärfer:

Gabriels Neo-Existenzialismus ist für mich keine Überwindung der Subjekt-Objekt-Spaltung, sondern ihre Neuauflage in zeitgemäßer Sprache.

Das alles ist nicht nur ein Streit unter Philosophen.

Denn wenn wir den Menschen falsch denken, denken wir auch seine Freiheit falsch. Dann denken wir Identität falsch. Dann denken wir Moral falsch. Dann reden wir zwar ständig von Offenheit, Vielfalt und Selbstbestimmung, bleiben aber blind für die tieferliegende Frage, warum wir uns selbst als leibliche Wesen so schwer ertragen.

Deshalb reicht es nicht, den Naturalismus zu kritisieren. Man muss auch jene Gegenbewegungen kritisieren, die am Ende dieselbe Trennung fortschreiben, die sie eigentlich überwinden wollten.

Genau das ist mein Einspruch gegen Markus Gabriel.

Nicht, weil ich die Freiheit des Menschen gering schätze.
Sondern weil ich sie ernster nehme.

Nicht, weil ich die Subjektivität leugne.
Sondern weil ich zeigen will, dass Bewusstsein nur dann wirklich verstanden wird, wenn es nicht von seiner Objektität abgespalten wird.

Und deshalb gehört auch die Frage nach Scham, Leiblichkeit und Nacktheit in diese Debatte hinein — nicht als Provokation, sondern als philosophischer Ernstfall.

Du willst die ausführliche philosophische Begründung lesen?

Dann findest du sie in meinem Buch „Die Objektität des Bewusstseins“. Dort zeige ich ausführlich, warum ich Markus Gabriels Ansatz zurückweise und weshalb die Objektität des Bewusstseins einen neuen Weg in Ontologie, Anthropologie und Ethik eröffnet.


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