Eine Frage der sprachlichen Realität

Gastbeitrag von Oliver Baer, Mitglied des Vorstandes im Verein Deutsche Sprache e.V.

Die Volksinitiative in Hamburg droht den Genderbewegten mit Gegenwind. Da begibt sich Elisabeth Jessen im Hamburger Abendblatt auf glatten Boden, da sie, zunächst ganz richtig postuliert: „Sprache ist das, was sich durchsetzt, weil es ständig benutzt wird.“ Schön, dass das auch einmal aus der Reihe der Genderbefürworter zu hören ist: also nicht, weil es ständig gewünscht wird. Sodann: „Sprache bildet Realität ab.“ Auch das stimmt seit Jahrhunderten:  Sprache schafft keine Realität, sie spiegelt die Realität. Anschließend winkt Jessen mit dem Zaunpfahl: „Die Hälfte der Bevölkerung ist weiblich.“ Nun ja, aber die meisten Frauen lehnen das Gendern ab, (die Männer sowieso, diese bösen alten weißen homophoben Frauenfeinde). Man muss halt die Mehrheiten wahrnehmen können. Wo liegt da der Fehler?

Es gibt da eine Meinungsblase, und die darin versammelten Menschen sind sich einig, dass Gendern im Sinne der Frauensache unerlässlich sei, und offenbar geben ihnen alle seriösen Medien recht. Vielleicht sieht diese Meinungsblase nur, wer nicht dazugehört. Die Realität wird aber nicht geschaffen von denen in der Meinungsblase, sondern von der gesamten Sprachgemeinschaft, das sind ALLE im Lande, die Sprachgemeinschaft, das Sprachvolk – einschließlich der Einwanderer und Flüchtlinge. Sie alle bilden die Realität ab, aber das dauert, so lange müssen Frauen Gottseidank nicht warten. Bis dahin haben die Frauen längst für die Wirklichkeit gesorgt, die dann von der Sprache gespiegelt wird. Bis dahin wird es eine Bundeskanzlerin gegeben haben, auch zahlreiche Grundschullehrerinnen. Die nicht nur sichtbar geworden sind, und das ohne Gendern.

Es gilt nun mal der Erfahrungswert: Was das Sprachvolk (die von der Elite so herzlich verachtete breite Masse) mit der Sprache anstellt, macht diese in aller Regel nicht komplizierter, unhandlicher, sondern einfacher, effizienter. Am Ende siegt die kürzeste Lösung, die gerade noch hinlänglich genau beschreibt, was Sache ist. Das geschieht von alleine. Abwarten und Tee trinken, bis sich das Gendern von alleine erübrigt? Das wäre schön. Aber noch einmal Jessen, die da ein wundgerittenes Pferd besteigt: „Vor der Rechtschreibreform vor ein paar Jahren gab es einen mächtigen Aufstand. Der Lauf der Zeit hat ihn hinweggeschwemmt. Mit dem Gendern wird es ebenso sein.“ Da wären wir uns ja beinahe einig, aber die Rechtschreibreform war ein Desaster, und wir leben mit ihren Folgen: Die „Reform“ hat keinem geholfen, aber vielen geschadet – zumal den Schwachen in der Gesellschaft. Diese Folgen als „weggeschwemmt“ zu bezeichnen, ist eine kesse Auslegung der Realität. Nun richtet das Gendern bereits ähnlichen Schaden an. Deshalb ist es nicht an der Zeit, die Füße hochzulegen.


Quelle: Infobrief vom Sonntag, 5. Februar 2023 des Vereins Deutsche Sprache e. V.

Sollten wir Gendern? Hamburger Abendblatt

Zum Buch Krieg der Gendersterne